S(ch)ichtwechsel 2026: Zwei Arbeitswelten, neue Perspektiven
Am 24.09.2026 hieß es bei den Mittweiader Werkstätten der Lebenshilfe Mittweida e. V. und der IHK Chemnitz „S(ch)ichtwechsel“. Mitarbeitende der IHK tauschten ihren Arbeitsplatz mit Beschäftigten der Mittweidaer Werkstätten. Für einen Tag wurde die vertraute Arbeitswelt verlassen, um die jeweils andere kennenzulernen, selbst mitzuarbeiten und miteinander ins Gespräch zu kommen.
Der bundesweite Aktionstag S(ch)ichtwechsel schafft genau dafür Raum: Menschen aus Werkstätten und Unternehmen des allgemeinen Arbeitsmarktes tauschen für einen Tag ihre Arbeitsplätze. Sie lernen neue Tätigkeiten kennen, sammeln Erfahrungen und kommen miteinander ins Gespräch. So entstehen Begegnungen, die helfen, Vorurteile abzubauen und neue Perspektiven auf Arbeit und Teilhabe zu eröffnen.
Ein Tag in den Mittweidaer Werkstätten
Für Mitarbeitende der IHK Chemnitz begann der Schichtwechsel in den Mittweidaer Werkstätten mit einem gemeinsamen Frühstück und einem Rundgang durch die Einrichtung. Dabei wurde schnell deutlich, wie vielfältig die Arbeitsbereiche sind und wie individuell die Arbeitsplätze auf die Fähigkeiten und Bedürfnisse der Mitarbeitenden abgestimmt werden. Die Werkstätten ermöglichen rund 200 Menschen mit geistigen, körperlichen, seelischen und mehrfachen Behinderungen die Teilhabe am Arbeitsleben. In verschiedenen Arbeitsbereichen – darunter Verpackung, Elektromontage, mechanische Bearbeitung und Montage, Wäscherei, Küche und Service sowie Garten- und Landschaftspflege – werden Arbeitsabläufe vermittelt, Fähigkeiten gefördert und berufliche Perspektiven entwickelt.
Die Gäste aus der IHK konnten anschließend selbst mitarbeiten. Im Berufsbildungsbereich unterstützten zwei Mitarbeiterinnen unter anderem bei der Montage und beim Verpacken von Bauteilen. Eine weitere IHK-Mitarbeiterin erhielt im Bereich Elektromontage Einblick in einen konkreten Produktionsauftrag und durchlief dabei alle Arbeitsschritte – vom Zuschnitt und der Vorbereitung der Erdungsdrähte über das Verzinnen bis hin zum Anpressen verschiedener Klemmen und Aderendhülsen. So wurde unmittelbar erlebbar, wie aus mehreren präzisen aufeinander abgestimmten Arbeitsschritten ein hochwertiges Zubehörkabel für Datenleitungen entsteht. An den verschiedenen Arbeitsplätzen zeigte sich, dass die Fertigung neben Konzentration, Genauigkeit und Feinmotorik auch ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein erfordert. Die gefertigten Produkte sind Bestandteil konkreter Kundenaufträge und werden vor der Auslieferung einer Qualitätsprüfung unterzogen.
Besonders deutlich wurde dabei auch die wirtschaftliche Bedeutung der Werkstätten. Die Mittweidaer Werkstätten verstehen sich als Partner von Unternehmen und Auftraggebern. Sie übernehmen Produktionsaufträge, entwickeln kundenorientierte Lösungen und achten zugleich darauf, Arbeitsplätze so zu gestalten, dass die individuellen Fähigkeiten und Belange ihrer Mitarbeitenden berücksichtigt werden. Unterstützende Arbeitsmittel – beispielsweise Bildanleitungen anstelle von schriftlichen Vorgaben – ermöglichen es, auch komplexe Arbeitsprozesse erfolgreich umzusetzen.
Im Berufsbildungsbereich werden Menschen zudem gezielt auf ihren weiteren beruflichen Weg vorbereitet. Über einen Zeitraum von zwei Jahren werden im anerkannten Verfahren PRAXISBAUSTEIN fachliche, praktische und lebenspraktische Kompetenzen vermittelt. Ziel ist es, die Teilnehmenden für den Arbeitsbereich der Werkstatt oder – wenn möglich – für einen Ausbildungs- beziehungsweise Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu qualifizieren.
Einblicke in die IHK Chemnitz
Parallel dazu wechselten zwei Mitarbeitende der Mittweidaer Werkstätten für einen Tag in die IHK Chemnitz. Bereits zwei Tage zuvor besuchten sie gemeinsam mit einer Sozialdienstmitarbeiterin die IHK, um sich auf ihren Einsatz vorzubereiten. Sie lernten ihren Tausch-Arbeitsplatz und die zuständigen Ansprechpartner kennen und erhielten einen ersten Einblick in die Aufgaben, die sie am Schichtwechseltag erwarten würden. Auch die Anreise mit dem Zug wurde dabei gemeinsam erprobt. So konnten sie gut vorbereitet und selbstständig zu ihrem Schichtwechseltag bei der IHK aufbrechen.
Marcel Röbiger arbeitete in der Poststelle. Dort sortierte er Zeitungen für die Postfächer, erstellte Frankierzettel, bereitete Mappen für Abschlusszertifikate vor und erhielt Einblicke in Buchdruck, Buchbindung und die Erstellung von Namensschildern.
René Schöler lernte den Bereich Gewerberecht kennen. Dabei erhielt er Einblicke in die Prüfung und Bearbeitung von Unterlagen, unter anderem im Zusammenhang mit Versicherungsvermittlern. Auch die Digitalisierung und Bearbeitung von Akten gehörte zu den Aufgaben, die ihm vorgestellt wurden.
In der Mittagspause kamen beide Seiten miteinander ins Gespräch. Die IHK-Mitarbeitenden interessierten sich für den Arbeitsalltag in der Werkstatt, die dort ausgeübten Tätigkeiten und die persönlichen Erfahrungen von Marcel und René. Umgekehrt erhielten die beiden einen Einblick in die unterschiedlichen Aufgabenbereiche und Arbeitsabläufe der IHK.
Zwei Arbeitswelten – viele gemeinsame Themen
Der Schichtwechsel zeigte, dass sich die Arbeitswelten von IHK und Werkstatt zwar in vielen Punkten unterscheiden, gleichzeitig aber zahlreiche Gemeinsamkeiten bestehen. Sorgfalt, Verlässlichkeit, Qualität, Kundenorientierung und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, spielen in beiden Bereichen eine wichtige Rolle.
Für die IHK-Mitarbeitenden war besonders interessant zu erleben, wie professionell die Mittweidaer Werkstätten mit ihren Auftraggebern zusammenarbeiten und wie wirtschaftliche Anforderungen mit den individuellen Möglichkeiten der Mitarbeitenden verbunden werden. Die Werkstatt ist damit nicht nur ein Ort der Beschäftigung, sondern auch ein leistungsfähiger Partner für Unternehmen.
Für Marcel und René wiederum war es eine wertvolle Erfahrung, einen Büroarbeitsplatz kennenzulernen, neue Tätigkeiten auszuprobieren und die Abläufe in der IHK unmittelbar zu erleben. Die unterschiedlichen Arbeitsstrukturen – beispielsweise die Pausenregelungen – waren zunächst ungewohnt. Gleichzeitig entstand bei beiden der Wunsch, auch künftig Erfahrungen auf einem Außenarbeitsplatz zu sammeln.
Der bundesweite Aktionstag S(ch)ichtwechsel schafft damit genau das, was sein Name verspricht: Menschen verlassen für einen Tag ihre gewohnten Arbeitsplätze und wechseln die Perspektive. Dabei entstehen Begegnungen, die Vorurteile und Klischees abbauen und neue Möglichkeiten sichtbar machen. Für die Beteiligten aus der IHK Chemnitz und den Mittweidaer Werkstätten steht deshalb fest: Der Schichtwechsel hat neue Perspektiven auf Arbeit eröffnet – und gezeigt, dass Teilhabe und wirtschaftliche Zusammenarbeit miteinander verbunden werden können.
